Samstag, 30. Juli 2011

Schikanen und Diskriminierung in spanischen Ämtern


Ein Erfahrungsbericht von Brigitte Baumgartner
 (ist zwar schon ein Weilchen her, aber ich habe mir sagen lassen, dass es immer noch genau so läuft)


Am Dienstag den 20. November 2007 habe ich beschlossen, dass ich meinen Schweizer Führerschein in einen Spanischen umschreiben will, wie es für Residenten vorgeschrieben ist. Hermann hatte seinen bereits im Februar umschreiben lassen und gleichzeitig wollte ich das damals auch tun. Offenbar war das aber im spanischen Tráfico (vergleichbar mit dem schweizerischen Strassenverkehrsamt) erst in sechs Monaten möglich.


1. Tag (21.11.07)

Am Mittwoch Morgen also bin ich um sechs Uhr aufgestanden, um den 7-Uhr-Bus zu erreichen. Um ein Viertel nach acht bin ich dann in Alicante angekommen.  Wohl wissend, dass da immer eine Menschentraube vor dem Eingang steht habe ich, um Zeit zu sparen, ein Taxi  vom Busbahnhof zum Tráfico genommen. Glück gehabt, es stehen noch nicht viele Leute da.

Um Punkt neun ist Türöffnung und das Gedränge geht los. Also rein und sofort an die Kasse. Bevor ich was erledigen kann, muss ich erst mal 16.80 Euro bezahlen. Dann erst bekomme ich eine Nummer. In diesem grossen Raum gibt es einen Bildschirm, wo die Nummern aufgerufen werden. Ich war recht gut motiviert und  sicher, dass ich alle Papiere beisammen habe, die es braucht. Doch weit gefehlt, die Frau hinter der Glasscheibe sagte mir, dass seit Juli ein neues Gesetzt in Kraft sei. Demnach brauche ich noch ein zusätzliches Formular von der Nationalpolizei. Und das würde ich in Elche bekommen. (Ein zusätzliches Problem ist plötzlich aufgetaucht. Nun muss ich mich also zuerst mit der Nationalpolizei herumschlagen, bevor ich ans Umschreiben des Führerscheins denken kann.)

Also wieder zum Bus-Bahnhof und zurück nach Crevillente. Unterwegs rufe ich Hermann an, er soll mich an der Bushaltestelle abholen. Um 11 Uhr bin ich da. Wir fahren gleich weiter zur Nationalpolizei nach Elche. Man hat mich sogar reingelassen und an der Information bekam ich zwei Formulare zum Ausfüllen. Ich könne das allerdings heute nicht mehr erledigen, weil es für mich keine Nummer mehr gebe!

Hier in Spanien kann man nicht einfach zur Polizei oder zum Tráfico oder sonst in ein Büro gehen, da bekommt man früh morgens eine Nummer und erst wenn diese aufgerufen wird, ist man an der Reihe. Und manchmal steht man sogar im Freien, ob kalt oder warm (und es ist kalt Mitte November) und erst dann darf man ins Gebäude rein. Hier herrschen ganz strenge Sitten, Jawolll!

So ging ich halt nach Hause, füllte die Formulare aus, ging zur Bank, zahlte den nötigen Obolus ein und wieder nach Hause, um alle meine Papiere neu zu ordnen, da ich am Donnerstag Morgen wieder nach Elche gehen will. 

 
2. Tag (22.11.07)

Heute bin ich sogar um halb sechs Uhr aufgestanden, habe noch kurz einen Kaffe getrunken, mich warm angezogen und ab ging’s nach Elche.

Um 6 Uhr 30Min. war ich bei der Polizei. Schock! Es warten mindestens schon 50 Leute. Na ja, dachte ich, jetzt muss ich eben anstehen. Ich war guter Hoffnung, dass ich noch zu denen gehöre, die eine Nummer bekommen. Um 8 Uhr sind 7 (!) Polizisten aus dem Gebäude gekommen, drei davon sogar mit Maschinen-Pistolen bewaffnet. Einschüchterung vom Feinsten. Jetzt muss man in die Reihe stehen. Es gab natürlich ein Gedränge. Einer der Polizisten dirigiert die Spanier auf die eine Seite und die Ausländer auf die andere.
 
Da dachte ich mir: „Na ja, das kann ja heiter werden“. Und tatsächlich, die Spanier bekamen zuerst ihre Nummern. Es werden jeden Tag nur 80 Nummern ausgeteilt und da es bestimmt an die 40 Spanier waren, blieben für den grossen Rest der Ausländer nur noch 40 Stück übrig. Reinste Diskriminierung der Ausländer, dacht ich. Welch ein Aufschrei würde wohl durch die Weltpresse gehen, wenn so was in der Schweiz  passieren würde: „Die Schweizer zuerst!“ ?  

Doch irgendwann stand auch ich vor dem Polizisten und der sagte mir: „Keine Nummer mehr“. Ich dachte, ich habe nicht richtig verstanden und hielt die Hand hin für eine Nummer. Er sagte aber, heute gäbe es keine Nummern mehr, ich solle morgen wieder kommen. Das darf doch nicht wahr sein, ich stehe seit einer und einer halben Stunden in der Kälte und der sagt einfach, ich solle wieder nach Hause gehen. Mir sind Emotionen hoch gekommen, die nicht gerade nett sind und die ich hier lieber nicht schildern will. Angeblich sind wir Gäste in diesem Land. Ich jedenfalls würde meine Gäste anders behandeln, zumal sie ihr Geld bei mir ausgeben.

Zuerst musste ich mal was Warmes trinken und auf die Toilette gehen und vor allem, mich etwas abregen. Das Spital war nicht weit weg so ging ich dahin. Gestärkt vom heissen Kaffee ging ich wieder zurück zum Polizisten. Ich habe mir einen Trick überlegt, wie ich eventuell doch noch reinkomme und was ich sagen werde. So sagte ich ihm, ich müsse zur Information. Er hat mich tatsächlich rein gelassen. Also bin zur Information gegangen und habe noch zwei der Formulare geholt, da ja Hermann diese Prozedur auch noch bevorsteht. Und da ich schon mal da war, bin ich auch gleich zum Schalter gegangen, um meine Formalitäten zu erledigen. Die Dame hat begonnen, die Formulare zu sichten und ich dachte: „ jetzt wird alles gut“. Aber, oh Schreck, plötzlich fragt sie nach der „heiligen“ Nummer, die ich nicht hatte.

Ich gestand ihr, dass ich keine Nummer bekommen hätte. Sie meinte darauf hin, es gebe da draussen Leute, die schon lange in der Kälte warten und ich komme einfach rein und will jetzt bedient werden. Darauf sagte ich ihr, dass ich auch schon seit halb sieben warten würde und gefroren hätte, und da sagt man einfach: „Es gibt keine Nummern mehr“. Aber das hat sie schon nicht mehr gehört. Sie ist wortlos aufgestanden, weg gegangen und nach ein paar Sekunden in Polizeibegleitung zurück gekommen. Ich musste meine Papiere zusammen raffen und dann wurde ich vom Polizisten sozusagen aus dem Haus geworfen. Dabei hätte sie mir einfach sagen können: „Ohne Nummer geht gar nichts“.

Meine Wut war grenzenlos. Bin mir wie eine Kriminelle vorgekommen. Ich hätte das ganze Gebäude in die Luft sprengen können. Ich fühlte mich schikaniert und gedemütigt. Aber es blieb mir nichts anderes übrig, als nach Hause zu gehen mit meiner ganzen Wut.

Zuhause hat Hermann seine Papier ebenfalls ausgefüllt und ich ging zur Bank, um nochmals 6 Euro 70  einzuzahlen.  Am Freitag würde ich seine Papiere dann auch gleich mitnehmen. Ich war also bereit für die nächste Etappe.


3. Tag (23.11.07)

Heute bin ich bereits um 5 Uhr aufgestanden, damit mir nicht dasselbe passiert wie gestern. Als ich da ankam, warteten bereits an die 30 Personen vor der Türe. Die ersten waren angeblich schon um 5 Uhr dort. Einige davon standen gestern hinter mir und haben ja auch keine Nummer mehr bekommen. Es war bitterkalt und der Wind blies um die Häuser. Ich habe mich warm angezogen, doch nach einer Stunde habe ich doch angefangen zu frösteln. Was soll’s, ich bleibe hier stehen, ob ich frier’ oder nicht. Ich will heute eine Nummer, um endlich meinen Führerschein umschreiben zu lassen. Nach zwei ein halb Stunden Warten, und das im Freien, war ich durch und durch kalt.

Oh, Gott sei Dank, die Polizisten kommen aus dem Gebäude und der eine verteilt die Nummern. Natürlich wieder zuerst den Spaniern und den Rest bekommen die Ausländer. Alle mussten wir hintereinander gehen, die Polizei hielt uns in Schach. Endlich stand ich dann vor dem Polizisten und streckte ihm die Hand entgegen, um die heiss ersehnte Nummer zu bekommen. Es war die Nummer 47!! Immer wieder habe ich sie angeschaut um sicher zu gehen, dass es wahr geworden ist. Das einzige was jetzt zählte war, sofort ins Spital rüber zu laufen und etwas Heisses zu trinken und etwas zu essen. Mich einfach nur aufwärmen. Man spürt, dass der Körper wieder langsam warm wird, also noch lebt. Ich bin eine ganze Stunde in der Cafeteria des Spitals geblieben, habe einfach nur die Wärme genossen und war zufrieden, dass ich eine Nummer hatte. Es braucht doch wirklich nicht viel, um in Spanien glücklich zu sein, nur eine Nummer! Um 9 Uhr ging ich dann zurück zur Nationalpolizei und habe dort nochmals bis um halb elf gewartet, bis ich ins Gebäude durfte. Drinnen war ich nach weiteren 10 Minuten Wartezeit endlich an der Reihe! Das ganze Prozedere am Schalter hat nur gerade mal eine Minute gedauert und schon hatte ich meine Papiere und alles war erledigt. Welch ein Aufwand, unglaublich!

Nun aber schnell zum Auto und  ab nach Alicante, nicht dass die mich nicht mehr hinein lassen. Im ersten Parkhaus am Hafen habe ich das Auto stehen lassen und wollte mir ein Taxi nehmen. Einen Parkplatz zu suchen hätte viel zu lange gedauert. Verkehrsstau überall, also blieb mir nichts anderes übrig, als zu Fuss zum Tráfico zu hetzen, denn es war schon bald 12 Uhr und damit kein Hineinkommen mehr.

Geschafft, ich komme noch rein. Und sage und schreibe, ich bekomme sogar noch eine Nummer (wieder mal), also durfte ich bleiben und hoffen, dass ich heute doch noch alles erledigen kann. Ist das nicht ein Glückstag für mich?! Um halb zwei durfte ich an den Schalter treten: die Papiere waren jetzt alle in Ordnung.

Folgendes musste ich vorlegen: den Schweizer Führerschein, zwei neuere Fotos, den Nachweis des medizinischen Eignungstests, den Nachweis der Anmeldung in der Gemeinde, die NIE-Nummer (Número de Indentidad de Extranjero), und letztendlich das Dokument, weswegen ich diesen Aufwand betreiben musste: die Bestätigung meiner  Anmeldung im Ausländer-Register. (Ich frage mich zwar weshalb das nötig ist, anhand der NIE-Nummer bin ich ja bereits im Innenministerium registriert.) Und das alles natürlich im Original und eine oder zwei Fotokopien. Alles in Allem habe ich also 10 Seiten abgeliefert. Es hat geklappt, bin ich nicht gut? Ich war richtig erschöpft und müde, hatte Durst und musste dringend zur Toilette. Ich habe dann Hermann angerufen und mitgeteilt, dass ich es endlich geschafft habe. Und dass ich sicher bis drei Uhr zu Hause sein werde. Von morgens fünf Uhr bis nachmittags um drei Uhr, wahrlich ein langer Tag!

Ich habe tatsächlich drei Tage gebraucht, um ein Papier zu bekommen, das nur gerade mal eine Minute gebraucht hat, um bearbeitet und ausgedruckt zu werden!

Man muss es einfach erlebt haben, glauben tut einem das sowieso niemand!

Fazit

Frage: Was ist der Unterschied zwischen spanischen Ämtern und der Boygroup Tokio Hotel?

Antwort: Es gibt keinen. Bei beiden musst Du vor der Türe campieren, wenn Du ganz sicher Zutritt haben willst.




Kommentare:

  1. Da bleibe ich doch lieber in der Schweiz... ;-)

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  2. Na ja, Gaby, wir haben ja sonst nichts zu tun. Das ist jetzt 7 Jahre her und seither leben wir in Frieden. Meistens, jedenfalls! breitgrins

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